AD(H)S - keineswegs eine Modekrankheit

Die Bedeutung von ADHS ist seit über zwei Jahrhunderten bekannt, auch wenn dieses Syndrom natürlich damals noch nicht unter dem Namen ADHS oder ADS firmierte. Tatsächlich lieferte Melchior Adam Weikard, ein deutscher Arzt, bereits 1775 eine lehrbuchhafte Beschreibung dessen, was wir heute als AD(H)S verstehen: Weikard beschrieb die sog. "unaufmerksame Person" als oberflächlich wahrnehmend und wenig sorgfältig. Es mangele ihr an der Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören. Meist könne sie sich nur an die Hälfte des Gehörten erinnern. Im Allgemeinen bestehe ihr Wissen aus "ein wenig von allem, aber nichts vom Ganzen". 

Später beschäftigte sich der schottische Arzt Sir Alexander Crichton ebenfalls mit diesem Störungsbild und schreibt: "Bei dieser Gedächtniskrankheit, wenn sich dies so nennen lässt, scheint den Betroffenen jeder Sinneseindruck aufzuwühlen und in einen unnatürlich unruhigen Zustand zu versetzen. Menschen, die im Raum auf und ab laufen, kleinste Geräusche, ein Tisch, der verrückt wird, das Zuschlagen einer Tür, zu viel Licht (oder zu wenig) - all das macht die Daueraufmerksamkeit bei den Betroffenen zunichte, da sie durch alles und jeden sofort ablenkbar sind" 

Der ehemalige Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik in Frankfurt am Main, Heinrich Hoffmann – besser bekannt als der Autor des „Struwwelpeter“- lieferte dann in seinem „Zappelphilipp“ und  dem „Hans-guck-in-die Luft“  1845 eine literarische Beschreibung dessen, was dem heutigen ADHS recht nahe kommt.  

In der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift „The Lancet“ beschrieb der Kinderarzt George Still bereits 1902 Kinder, die bei normaler Intelligenz Probleme mit der Daueraufmerksamkeit und der Selbstregulation hatten.

Freilich dauerte es eine Weile, bis diese Erkenntnisse Platz in den heutigen Diagnoseklassifikationssystemen fanden und ab den 1970’er Jahren wurde vor allem von Paul Wender in den USA erkannt und publik gemacht, dass AD(H)S häufig in das Erwachsenalter fortbesteht. Aber selbst heute - 40 Jahre später- setzt sich die Erkenntnis über die Persistenz von AD(H)S in das Erwachsenenalter nur mühsam durch.