Nie genug? Warum ADHS-Gehirne so sehr nach Stimulation dürsten

Manchmal scheint es, als ob das ADHS-Gehirn nie zufrieden ist – z. B. wenn es um Quellen der Stimulation wie Videospiele, Sex und Substanzen geht. In diesem Beitrag geht es darum, warum das Gehirn eines Menschen mit ADHS diese Dinge so sehr begehrt und wie es das Verhalten im Alltag beeinflusst.

Fortschritte in der Forschung geben uns einen immer größeren Einblick in die neurobiologischen Grundlagen von ADHS. Wir wissen jetzt, dass Unterschiede in Struktur, Funktionalität, Aktivierung und Konnektivität eine wichtige Rolle bei der ADHS-Symptomatik spielen.

Das Gehirn reguliert unsere Reaktionen auf alle möglichen Reize und muss aktiviert oder stimuliert sein, um gut zu funktionieren. Optimale Stimulation ermöglicht es dem Gehirn, wachsam, aufnahmefähig und bereit zu sein, sich zu konzentrieren und zu lernen. Gut zusammenspielende Exekutivfunktionen des Gehirns erlauben die effektive Auswahl von Reaktionen auf externe oder interne Reize. Zielgerichtetes Verhalten kann dann ohne zu starke Ablenkungen durch Emotionen oder Empfindungen fein abgestimmt werden. Im Allgemeinen befinden sich Nicht-ADHS-Gehirne in diesem ausgewogen stimulierten Zustand. So gelingen meist konzentrierte Aufmerksamkeit, Selbstregulation und eine angemessene Kontrolle über das. Natürlich sind auch Nicht-ADHS-Gehirne in diesem komplexen Zusammenspiel störanfällig – etwa durch starke Emotionen, Müdigkeit oder eine allgemein schlechte psychische Verfassung.

Das Funktionieren des exekutiven Hirnfunktionen hängt von verschiedenen Faktoren ab, u.a dem Reifungsgrad des Gehirns – speziell des präfrontalen Cortex- und von der sog. dopaminergen Transmission in den entsprechenden Abschnitten des Gehirns. Dopaminerge Transmission bedeutet vereinfacht ausgedrückt die Weitergabe von Dopamin zwischen den Nervenzellen. Diese wiederum hängt von bestimmten Proteinen auf der Oberfläche der Nervenzellen ab, den Dopaminrezeptoren und Dopamintransportern. Bei ADHS gibt es genetisch bedingte Veränderungen dieser Strukturen, wodurch die dopaminerge Transmission beeinträchtigt ist und die exekutiven Hirnfunktionen nicht so gut arbeiten können.

Dopamin spielt aber nicht nur eine wichtige Rolle für übergeordnete Steuerungsfunktionen des Gehirns (den exekutiven Funktionen), sondern auch für das sog. Belohnungssystem, das für Motivation, positive Verstärkung und Vergnügen verantwortlich ist. Schlüsselaspekte des Belohnungssystems sind bei ADHS-Gehirnen unteraktiv, was es für die Betroffenen schwierig macht, Belohnungen aus „normalen“ Aktivitäten zu ziehen. Diese dopamindefizienten Gehirne benötigen hochstimulierende Situationen oder Verhaltensweisen, um eine vermehrte Dopaminfreisetzung auszulösen. ADHS-Gehirne suchen also nach starker Stimulation, um dadurch Dopamin schnell und intensiv zu erhöhen. Nachdem ein hochstimulierendes Verhalten die hohe Dopaminfreisetzung ausgelöst hat, erleben Menschen mit ADHS einen hohen Ansturm von Motivation, der nach erfolgter „Belohnung“ aber sofort auf Baseline-Niveaus zurück fällt und die Motivation sinkt dann massiv ab. Für Menschen mit ADHS ist es sehr schwierig, Motivation aufrechtzuerhalten, wenn Belohnungen entweder nicht sehr hoch sind oder mit langfristiger Anstrengung verbunden sind. ADHS-Gehirne sind gute Sprinter, aber schlechte Dauerläufer!

Für einige ADHS-Gehirne bedeutet optimales Funktionieren, die vorhandene Stimulation zu verstärken - lauter, schneller, größer, witziger und risikofreudiger - je intensiver, desto besser. Langeweile ist eine häufige Beschwerde für die Besitzer dieser Gehirne. Tatsächlich können diese unruhigen Gehirne in langweiligen, wenig stimulierenden Situationen ihre Besitzer dazu zwingen, das Intensitätsniveau mit Zappeln, Lärm, Gelächter oder Konflikten zu erhöhen, wenn kein anderer Weg zur hohen Stimulation verfügbar ist. Diese impulsiveren ADHS-Gehirne haben ihre eigene Logik: Wenn ein wenig Stimulation gut ist, ist mehr besser. Sofortige Belohnungen werden gegenüber langfristiger Befriedigung gewählt, auch wenn letzter vielleicht wichtiger ist, um ein übergeordnetes Ziel zu erreichen. Menschen mit ADHS haben noch mehr als alle anderen auch, erhebliche Problem mit Belohnungsaufschub. Bitte gleich eine Belohnung, auch wenn sie nur klein ist, statt länger auf eine große Belohnung hinzuarbeiten.